Wenn aus Wegen Serpentinen werden

von P. Engelbert Recktenwald FSSP
Fünf Wege zur Gotteserkenntnis hat der hl. Thomas von Aquin in seiner Summa Theologiae entwickelt. Sie sind so knapp gezeichnet, dass dem Kirchenlehrer ein einziger Artikel für ihre Beschreibung ausreichte. Im Laufe der Jahrhunderte tauchten immer zahlreichere Einwände gegen sie auf. Um sie zu entkräften, wurden die Gedankengänge immer komplexer: Die geradlinigen Wege wurden zu Serpentinen, die sich um unzählige Hindernisse hindurchschlängeln, um den geduldigen Wanderer zur Höhe der Gotteserkenntnis zu führen.
Einen guten Einblick in diese Problematik bietet das neue Buch von Sebastian Ostritsch Serpentinen. Die Gottesbeweise des Thomas von Aquin nach dem Zeitalter der Aufklärung. Der größte Brocken, der den Weg zur Höhe scheinbar versperrt, stammt von Kant und besteht in der These, dass der kosmologische Beweis den ontologischen (der von Kant und Thomas gleichermaßen abgelehnt wird) voraussetze. Ostritsch zeigt, dass diese These den transzendentalen Idealismus Kants vorausetzt, wonach alle unsere Begriffe außerhalb der sinnlichen, durch unseren Verstand mitkonstituierten Erfahrung keinen Gegenstand haben, unsere Erkenntnis also nie die Wirklichkeit an sich erreicht. Diese Voraussetzung wird – abgesehen von einigen wenigen Philosophen – kaum noch von irgend jemanden geteilt. Die sich daraus ergebende Ablehnung einer möglichen Gotteserkenntnis hat sich dagegen im allgemeinen Bewusstsein festgesetzt. Das bedeutet mit anderen Worten, überspitzt ausgedrückt: Niemand ist Kantianer, wenn es um Kants Philosophie geht, aber jeder ist es, wenn es um seine Ablehnung der Gottesbeweise geht. Man melkt eine Kuh, die längst nicht mehr existiert.
Ostritsch macht den Leser mit der aktuellen Diskussion der Gottesbeweise bekannt: Er berücksichtigt nicht nur thomistische Klassiker wie Sertillanges, sondern auch aktuelle Autoren wie William Lane Craig, Edward Feser, Anthony Kenny und David S. Oderberg. Geht man ins Detail, dann versteht man, warum die einschlägige Literatur so umfangreich geworden ist. Nehmen wir als Beispiel die ersten beiden Wege. Den Beweis aus der Bewegung benennt Ostritsch richtigerweise um in den Beweis aus der Veränderung. Denn er nimmt seinen Ausgang nicht nur aus der Bewegung als einer Ortsveränderung, sondern aus jeder qualitativen oder quantitativen Veränderung eines Dinges, das indessen das bleibt, was es ist, also aus der akzidentellen Veränderung. Der zweite Beweis dagegen nimmt seinen Ausgang aus der substanziellen Veränderung, also aus dem Werden und Vergehen der Dinge selbst. Bekanntlich schließt Thomas auf die Existenz Gottes als erster Ursache aufgrund der Unmöglichkeit, die Reihe der Ursachen ins Unendliche fortzusetzen. Nun teilt aber Thomas an anderer Stelle mit Aristoteles die Überzeugung, dass der zeitliche Anfang der Welt natürlicherweise nicht erkannt werden kann, dass wir also ohne Offenbarung nicht wissen können, ob sie nicht vielleicht doch seit ewiger Zeit existiert. Das bedeutet, dass wir die Möglichkeit einer unendlich langen Abfolge zeitlicher Verursachung nicht ausschließen können. Ostritsch besteht deshalb darauf, dass Thomas in der Zurückweisung einer unendlich langen Ursachenkette nicht an die zeitliche Ursachenfolge denkt, sondern an die simultane kausale Abhängigkeit der Dinge untereinander. Um das am Beispiel der Ortsbewegung zu erläutern: Wenn eine Billardkugel die andere anstößt, dann ist die erste Kugel die Ursache für die Bewegung der zweiten. Und wenn die erste von einer weiteren Kugel angestoßen worden war, dann ist ihre Bewegung ihrerseits verursacht. In diesem Modell haben wir eine zeitliche Abfolge der Ursachen. Das Beispiel dagegen, auf das Ostritsch zurückgreift, ist das einer Lokomotive, die eine Waggonreihe zieht. Die Lokomotive ist simultane Wirkursache der Bewegung der Waggons. Sie selbst wird bewegt aufgrund des Mechanismus einer Energieumwandlung, den ein Techniker besser erklären kann als ich. Eine konsequente Rückfrage nach den weiteren Ursachen in dieser Reihung soll also zur Erkenntnis Gottes als desjenigen führen, der als Einziger sich selbst bewegt und deshalb die Frage nach einer weiteren Bewegungsursache überflüssig macht.
Begriff der Selbstbewegung auch auf etwas Außergöttliches an, nämlich auf den menschlichen Willen. Wie Ostritsch diesen Einwand auflöst, möge der Leser selbst nachlesen.
Die Crux der Beschränkung jener Gottesbeweise auf die simultane Ursachenreihe besteht nun in dem misslichen Umstand, dass zeitlich vorhergehende und simultane Wirkursache auseinanderfallen. Dass Michelangelo die Wirkursache seiner Pieta ist und die Eltern jene ihrer Kinder, leuchtet ein. Doch welches sind die simultanen Wirkursachen der Existenz der Dinge? Ostritsch bringt ein Zitat von Sertillanges, welches das Dilemma deutlich macht. Am Beispiel des Tieres benennt Sertillanges als dessen Ursache seine Seele, deren Existenz ihrerseits abhängig ist von Luftdruck, Wärme, Nahrung usw. Doch die Seele des Tieres ist gerade nicht dessen Wirk-, sondern Formursache. Thomas schließt aber, wie Ostritsch anführt, die Möglichkeit der Identität von Wirk- und Formursache aus. Und die von Sertillanges angeführten Umweltbedingungen sind eben bloße Bedingungen, aber keine simultanen Wirkursachen. Sie verhindern lediglich, dass ein Tier erstickt, erfriert oder verhungert. Aber ob sie wirklich gedacht werden können als Zweitursachen, die Gottes creatio continua (fortwährende Schöpfung) als Zwischeninstanz vermitteln und somit den Gedanken einer durchgehenden Unmittelbarkeit der Abhängigkeit allen Seins von Gottes Willen falsifizieren, darf bezweifelt werden.
Die Lektüre von Ostritschs Buch macht deutlich, warum die Literatur über die thomistischen Gottesbeweise so umfangreich geworden ist. Die erzwungenen Kurven machen die Serpentinen stellenweise so unübersichtlich, dass Zweifel entstehen, ob sie überhaupt noch in die Höhe führen. Die Lösung des Problems kann wohl nur darin bestehen, sich gegenüber Thomas‘ Gedanken dieselbe innere Freiheit herauszunehmen wie dieser gegenüber dem von ihm hochgeschätzten Philosophen schlechthin, Aristoteles. Dies würde auch ganz dem Geist des Aquinaten entsprechen. „Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig.“
Thomas‘ Beweise gehen immer von der sinnlich wahrnehmbaren Erfahrung aus. Die Stärke von Ostritschs Buch besteht in der anschaulichen Beschreibung von Beispielen solcher Erfahrung, außerdem in der kenntnisreichen Charakterisierung der mittelalterlichen Geisteswelt als einer solchen, in der die Vernunft nicht nur geschätzt, sondern in einer Weise benutzt wurde, die ihr besser gerecht wird als im Naturalismus moderner Philosophien. Ostritsch widerlegt überzeugend die Rede vom dunklen Mittelalter und macht Lust darauf, es besser kennenzulernen. Sein Stil ist flüssig und macht die Lektüre zu einem Vergnügen. Stil und Stärke haben das Potenzial, Ostritsch zum Josef Pieper des 21. Jahrhunderts werden zu lassen.
Über Sebastian Ostritsch
Sebastian Ostritsch (geb. 1983 in Heidenheim an der Brenz) ist promovierter Philosoph, Autor, Publizist und Literaturwissenschaftler. Er lehrt als Privatdozent an der Universität Heidelberg. Seit Januar 2024 ist er Redakteur der katholischen Wochenzeitung Die Tagespost.