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Gottes Freunde

Was ist Freundschaft?
Ist sie zwischen Gott und Mensch möglich?
Worin zeigt sich, dass wir Freunde Gottes sind?

von P. Bernward Deneke FSSP


 

Ein Cartoon zeigt einen alten Mann, der mit griesgrämigem Gesicht vor dem Computer sitzt. Seine Frau, nicht heiterer als er, schaut ihm über die Schulter und fragt: „Wie ist es möglich, dass du 203 Freunde auf Facebook hast, aber keinen einzigen im realen Leben?“
Virtuelle und wirkliche Freundschaften sind nicht dasselbe. Der Unterschied wird deutlich, stellt man nur einige Fragen zu dem Cartoon: Wie viele von den 203 Personen haben ein echtes Interesse an dem betagten Mann, seinem Leben und Befinden? Wer von ihnen möchte gerne oft und lange mit ihm beisammen sein zu herzlichem Austausch? Und werden ihm seine Hundertschaften wohl zu Hilfe eilen, sobald er in Not gerät?
In alledem erweist sich ja echte Freundschaft. Der heilige Thomas von Aquin beschreibt sie als gegenseitiges Wohlwollen, das auf einem gegenseitigen Austausch beruht (S. Th. II-II, 33,1). Dieser setzt gemeinsame Begeisterung für bestimmte Bereiche des Lebens voraus; Freundschaft hat also immer einen verbindenden Inhalt, mag es sich nun um die Freude an der Natur, an Sport und Spiel, an Kunst oder am religiösen Leben handeln. Auch stimmen Freunde in der Willensrichtung überein: „Idem velle atque idem nolle – Dasselbe zu wollen und dasselbe nicht zu wollen, das erst ist feste Freundschaft“, formuliert der römische Schriftsteller Sallust (+ 35 v. Chr.).
Noch ein weiterer Charakterzug der Freundschaftsliebe darf nicht unerwähnt bleiben: die Gleichheit. Unter Freunden tritt der Unterschied des Ranges zurück. Wenn ein Fürst mit dem geringsten Laufburschen seines Gesindes Freundschaft schließt, so befinden sich die beiden – trotz aller Distanz des Standes – als Freunde auf gleicher Ebene.
Die Bibel schildert in David und Jonathan ein bewegendes Beispiel edler Freundschaft (vgl. 1 Sam 16-31) und preist deren Wert mit Worten, die nichts von ihrem Glanz eingebüßt haben: „Ein treuer Freund ist wie ein festes Zelt; wer einen solchen findet, hat einen Schatz gefunden. Für einen treuen Freund gibt es keinen Preis, nichts wiegt seinen Wert auf. Das Leben ist geborgen bei einem treuen Freund, ihn findet, wer Gott fürchtet. Wer den Herrn fürchtet, hält rechte Freundschaft, wie er selbst, so ist auch sein Freund.“ (Sir 6,14-17)
Nun stellt sich aber die Frage, ob Freundschaft denn auch eine geeignete Kategorie für die Beziehung des Menschen zu Gott ist. Sprechen wir da nicht besser vom Verhältnis des Geschöpfes zum Schöpfer, des Kindes zum Vater, des Jüngers zum Herrn oder auch der Braut zum Bräutigam? Anders gefragt: Enthält der Gedanke der Freundschaft nicht zu viel Gleichstellung und würdigt damit Gott zum Partner des Menschen herab?
Wer schon einmal eine Priesterweihe erlebt (oder sie sogar empfangen) hat, dem bleibt das „Iam non dicam“ in lebhafter Erinnerung, jenes Responsorium, das nach der Heiligen Kommunion gesungen wird: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte, sondern meine Freunde, denn ich habe euch alles kundgetan, was ich gehört habe von meinem Vater.“ Vielleicht sind manche Christen geneigt, diese Freundschaft Jesu als etwas zu betrachten, das einigen Erwählten, namentlich den Priestern und Gottgeweihten, reserviert ist, während die übrigen Gläubigen gut daran tun, sich mit der Knechtschaft zu begnügen.
Der Zusammenhang der Worte aus Joh 15 ergibt jedoch ein anderes Bild. Hier mahnt Jesus an, in Seiner Liebe zu bleiben und einander zu lieben. Dann fährt Er fort: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben hingibt für seine Freunde. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage. Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.“ (13-15) Das will doch besagen: Durch die Mitteilung des Geheimnisses, das Er mit dem Vater teilt, und durch Seine Lebenshingabe hat der Sohn Gottes Freundschaftsbande zu uns geknüpft, und zwar zu allen, die Seine Erlösungsgnade annehmen. Das Verhältnis zu Ihm – und damit auch zum Vater – ist dadurch für jeden Menschen, der in der Gnade lebt, auf eine völlig neue Ebene gehoben worden.
Ein Beispiel zur Veranschaulichung: Wir arbeiten als Angestellte eines riesigen Betriebs. Den Chef des Unternehmens haben wir bisher nur aus der Ferne gesehen. Eines Tages aber tritt er unversehens an unseren Arbeitsplatz und kommt mit uns ins Gespräch, dies nicht nur einmal, sondern immer wieder, bis er uns überraschenderweise in sein Haus zum Essen einlädt. Dort lernen wir seine Familie und sein Lebensumfeld kennen. Wir empfangen, ohne das recht fassen zu können, kostbare Geschenke von ihm, die darin gipfeln, dass er uns sogar die persönliche Du-Anrede und damit die Freundschaft anbietet…
Ähnlich verhält es sich mit Gott. Er ist in Seinem menschgewordenen Sohn zu uns gekommen, hat uns aus fernen Ahnungen in die Innenwelt Seines dreifaltigen Lebensgeheimnisses eingeführt und dadurch eine Vertrautheit gewirkt, die unser geschöpfliches Maß gänzlich übersteigt. Zugleich hat Er aber auch jene Gleichheit gewirkt, ohne die es keine wirkliche Freundschaft geben kann. Dazu Thomas von Aquin (Abb. rechts): „Damit die Freundschaft zwischen dem Menschen und Gott inniger sei, war es für den Menschen nötig, dass Gott ein Mensch werde, weil Er dadurch auch natürlicherweise als Mensch dem Menschen ein Freund ist und wir so, während wir Gott in sichtbarer Gestalt erkennen, zur Liebe der unsichtbaren Dinge hingerissen werden.“ (S. c. G. IV,54,6; das Zitat am Ende entstammt der Weihnachtspräfation).
Gott ist zu uns herabgestiegen, um uns zu sich emporzuheben. Aus diesem Grund hat Jesus in qualvollem Sterben Sein Leben hingegeben; Er hat uns in Seinem ausgehauchten Geist und Seinem verströmten Blut Anteil an Seinem eigenen Leben verliehen – ein Vorgang, an dem unser Vergleich mit dem liebenswürdigen Vorgesetzten und seinen Freundschaftsbemühungen restlos scheitert, weil solches unter bloßen Menschen unmöglich ist! Erst dadurch aber, dass wir nun gnadenhaften Anteil an der göttlichen Natur haben (vgl. 2 Petr 1,4), sind wir zu der Ähnlichkeit mit Gott erhöht, ohne die es keine echte Freundschaft geben kann.
So ist es nicht nur eine fromme Metapher, sondern die Wahrheit, wenn wir von „Gottesfreundschaft“ reden. Auf der Seite unseres Herrn sind die Eigenschaften des besten Freundes gegeben: Er nimmt lebhaftesten Anteil an unseren Freuden und Leiden, sorgt für uns, überhäuft uns mit Wohltaten und hilft uns in der Not; Seine Wonne ist es, unter uns Menschenkindern zu sein (Spr 8,31) und liebevollen Austausch mit uns zu pflegen.

Ob wir dieser Freundschaftsinitiative aber auch angemessen antworten? Zur Besinnung können wir uns ähnliche Fragen vorlegen, wie wir sie eingangs zu dem Cartoon gestellt haben: Bewegt uns wohl ein waches Interesse an allem, was mit dem göttlichen Freund zu tun hat? Haben wir das Verlangen, oft und ausgiebig bei Ihm zu verweilen zum Austausch im Gebet? Stimmt unsere Willensrichtung mit der unseres Herrn überein – idem velle atque idem nolle? Und sind wir bereit zu kraftvollem Einsatz für Seine Sache, auch dazu, Ihm in den Notleidenden zu Hilfe zu eilen – denn was wir ihnen getan haben, das haben wir ja bekanntlich Ihm selbst getan (Mt 25,40)? Das Geheimnis der Gottesfreundschaft zeigt sich übrigens nicht zuletzt in Gebetserhörungen. Heilige Gottesfreunde brauchen da, wo andere über lange Zeit hin scheinbar erfolglos flehen, oft nur eine kurze Bitte zum Himmel zu schicken, die auch sogleich in Erfüllung geht; denn der Herr gewährt ihnen die Gaben nicht nur „ihrer Zudringlichkeit willen“, sondern „weil sie Seine Freunde sind“ (vgl. Lk 11,8).
Was also ist erstrebenswerter als die Freundschaft mit Gott, diese Verbindung höchster Intensität und Kraft? Es hängt alles davon ab, in ihr zu leben, zu wachsen und schließlich auch zu sterben. Sie wird dann kein Ende haben.