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Liturgie als heilige Handlung und Aktuierung der Heilgeschichte

Eine Rezension zu: Stefan Heid, Altar und Kirche. Prinzipien christlicher Liturgie, Regensburg 2019.
P. Dr. Sven Leo Conrad


Stefan Heid, Priester des Erzbistums Köln, Professor für  christliche Liturgie und Hagiographie am Päpstlichen Institut für Christliche Archäologie in Rom und zugleich Direktor des Römischen Instituts der Görres-Gesellschaft, hat mit seinem neuesten Buch „Altar und Kirche“ ein wahres Meisterwerk vorgelegt. Seit den Tagen von Klaus Gamber ist wohl nichts derart Grundlegendes mehr veröffentlicht worden, das den Mainstream heutiger Liturgiewissenschaft in zentralen Punkten als sachlich falsch aufweist. Vor allem steht heute die These im Raum, das ursprüngliche und biblisch-bezeugte Christentum sei kultlos gewesen. Es habe die zentralen kultischen Vollzüge des Alten Bundes in einen Gottesdienst von „Geist und Wahrheit“ (vgl. Jo 4,24) transformiert, der als Gegensatz zu allem verstanden wird, was man gemeinhin mit Priestertum, Tempel und Opfer verbindet. Salvatore Marsili OSB (1910-1983), der erste Koordinator des Päpstlichen Liturgischen Instituts von San Anselmo (Rom), behauptet etwa, daß der hl. Paulus mit dem Opfer des Lobes der Christen vor allem einen inneren Akt des Willens meine, ein Opfer des Gebetes und der Bitte, ohne überhaupt etwas Zeremonielles zu betonen. (Vgl. Salvatore Marsili, La Liturgia, Momento storico della salvezza, in: Anamnesis I, 33-156, hier: 49.) Dabei bezieht sich Marsili auch auf den Hebräerbrief, den er Paulus zuweist. Erst durch die Kirchenväter habe sich das Christentum wieder in Richtung eines materiellen Kultes entwickelt. Diese im Prinzip anti-materielle und stark ethische Bestimmung christlichen Gottesdienstes ist in der heutigen Liturgiewissenschaft richtungsweisend geblieben. 

Stefan Heid widmet sich zu Beginn seines Werkes zurecht dieser grundsätzlichen Frage nach einem ursprünglich kultlosen Christentum, das sich stark vom Judentum und vom Heidentum abgegrenzt habe (S. 10-15). Interessanterweise kann er zeigen, wie die These, das Christentum habe sich erst ab dem 3. Jahrhundert kultisch-sakraler Formen bedient, im größeren Zusammenhang der „Verfalls- und Hellenisierungstheorie“ (S. 12) gesehen werden muß, die von protestantischer Seite immer wieder gegen all das gerichtet wird, was man als genuin katholisches Verständnis benennen könnte. Heid weist nach, daß die Thesen einer nachträglichen Sakralisierung des christlichen Liturgieverständnisses über die damals durch den Hl. Stuhl indizierten Arbeiten des Priesters Franz Wieland (1872-1957) in die katholische Theologie eingedrungen sind. Dieser „fügt … das Werden des christlichen Altars passgenau in das chronologische Gerüst der liberalen protestantischen Theologie ein“ (S. 13).

Bereits dieser Einstieg zeigt, daß Heids Werk weit über die einfache Frage nach einem eventuell ursprünglichen „Volksaltar“ im modernden Sinne hinausweist, die er Auseinandersetzung mit den Studien des Bonner Liturgiewissenschaftlers Otto Nussbaum (Der Standort des Liturgen am christlichen Altar vor dem Jahre 1000, Bonn 1965) ausführlich führt. Heid widmet sich den Thesen Nussbaums in allen Details und erweist sie als unhaltbar. Vor allem aber fragt er nach den Prinzipien christlichen Gottesdienstes überhaupt und leitet ihn konsequent von seinem Zentrum her, dem Altar. Ausgangspunkt ist die heutige, bereits angedeutete, Fachmeinung:

„Was den frühchristlichen Altar betrifft, so lässt sich die landläufige Meinung wie folgt skizzieren: Jesus sei kein Priester gewesen und habe somit keine Opfer dargebracht. Wenn er im Freundeskreis oder mit Sündern Mahl hielt, habe es sich um normale Mähler an normalen Esstischen gehandelt. Auch das sogenannte Letzte Abendmahl vor der Kreuzigung sei, wie der Name Abendmahl verrate, ein bloßes Sättigungsmahl gewesen. Da Jesus dabei die Eucharistie mit Brot und Wein einsetzte, könne auch diese Handlung nur an einem normalen Esstisch stattgefunden haben (vgl. Lk 22,21: τραπέζα). Und da die Christen weiterhin die gemeindliche Eucharistie als ein Abendmahl in Erinnerung an Jesus feierten, sei es lange Zeit bei einem solchen Esstisch geblieben. Auch als man später aus praktischen Gründen die Eucharistie vom Gemeinschaftsmahl trennte, habe man die Form des Esstischs (aus Holz) für die Eucharistie beibehalten. Erst mit dem Beginn des Kirchenbaus im ausgehenden dritten Jahrhundert und vor allem seit konstantinischer Zeit stellte man stabilere Tische auf und lud sie sozusagen sakral auf, indem man sie wie Altäre behandelte.“ (S. 15f.).

Heid hat von der Ausrichtung seines Lehrstuhls her den Vorteil, archäologische Fragen sowie solche des antiken Kontextes des werdenden Christentums gerade nicht als vortheologisch auszublenden, sondern ausdrücklich in seine Studien mit einzubeziehen. Von daher wendet er sich einem bislang in der Forschung kaum vorhandenen Thema zu und leitet den christlichen Altar nicht von einem profanen Tisch her, sondern vom Sakraltisch der Antike: „Alles läuft also darauf hinaus, den christlichen Altar vom Sakraltisch her und damit innerhalb des spätantiken Religionshorizontes zu verstehen.“ (S. 55). Sowohl Judentum als auch Heidentum hätten sich solcher Äquivalente zu ihren Altären bedient. Dabei ist der Bezug zum Judentum freilich größer als zur heidnischen Antike. Mit Verweis auf die Studien von Margaret Barker nimmt der Autor einen wesentlichen Bezug zum „Schaubrottisch des Jerusalemer Tempels“ (S. 68) an. Seine Thesen untermauert er anhand spannender exegetischer Beobachtungen und zahlreicher Texte von Kirchenvätern (S. 27-68).

Eine von vielen Nebenbemerkungen, die für die außerordentliche Form des Römischen Ritus interessant sind, sei hier angeführt. Heid erwähnt „die antike Praxis, sich bei gewissen Opferhandlungen mit der Rechten auf den Sakraltisch zu stützen“ (S. 62); eine Berührung des Altares mit der Hand zu gewissen Amtshandlungen kennt die römische Tradition heute noch (vgl. S. 64).

Nach der Klärung des Ursprungs des christlichen Altars, wendet sich Heid einer damit eng verbundenen Fragestellung zu, nämlich wo sich die frühen Christen zur Eucharistie versammelten. Er weist die heutzutage dominierend Hypothese der frühchristlichen Organisation in „Hauskirchen“ unter gründlicher Untersuchung von Texten der Hl. Schrift und der Kirchenväter zweifelsfrei zurück. Treffend bemerkt er: „Die Hauskirchen-Theorie basiert auf der Annahme nicht nur eines profanen, sondern auch eines pluralen, manche sagen »demokratischen« Anfangs des Christentums.“ (S. 74). Demgegenüber weist Heid mit Blick auf die verschiedenen Regionen des christlichen Altertums die strikte Einheit der Eucharistiegemeinschaft mit dem jeweiligen Bischof auf. Freilich befinden wir uns hier noch an den Anfängen des Christentums, die allein die sonntägliche Feier der Ortskirche kannte. Meßfeiern an Werktagen und Einzelzelebrationen sind ja das Ergebnis späterer Entwicklungen und Klärungen. In diesem Zusammenhang wendet sich Heid gegen die Behauptungen einer angeblich legitimen Praxis der Laieneucharistie in der Antike (vgl. S. 112).

An vielen Stellen seines Werkes kommt der Humor und klare Hausverstand des Autors zum Vorschein, etwa wenn er der Behauptung von Hauskirchen in Rom mit Blick auf den an „alle in Rom“ (Röm 1,7) gerichteten Römerbrief widerspricht: „Ein so kapitaler Brief wie der Römerbrief wäre angesichts einer weitgehend analphabetischen Bevölkerung vergebene Liebesmüh', wenn er nicht in kleinen Häppchen verlesen und sogleich erläutert würde. Soll man denn annehmen, dass in jeder Hauskirche einer da war, der lesen konnte, und dann auch noch ein anderer, der so theologisch gebildet war, dass er den Brief auslegen konnte? Wie viele Theologen gab es denn in Rom? Soll man wirklich glauben, dass die Verkündigung und Auslegung eines Apostelbriefs irgendwelchen Hausvätern und -müttern überlassen blieb?“ (S.127).

Im vierten Kapitel wendet sich Stefan Heid den zentralen Fragen des Kultverständnisses selbst zu. Altar und kirchliche Struktur waren gewissermaßen die Vorbereitung dieses Themas. Grundlegend bemerkt er: „Das frühe Christentum kennt gewiss kein elaboriertes Sakralrecht in linearer Fortsetzung der antiken Hochreligionen. Es hat sich in vielerlei Hinsicht vom griechisch-römischen Religionskosmos und Judentum abgesetzt und sich damit auch entsprechender Sakralnormen entledigt. Hierin liegt ein Akt der Befreiung und Emanzipation. Dass jedoch das Eigentliche des Christentums in einer Auflösung alles Rituell-Kultischen bestanden haben soll, entbehrt jeder Plausibilität. Die Berufung des Christentums ist nicht die völlige Vergeistigung, sondern eine Zuordnung von Handlung und Wort.“ (S. 161). Dabei ist „der Ritus … das Gerüst des Wortes … Liturgie ist handelndes Wort und wörtliche Handlung.“ (S. 162). Der Ritus ist also kein beliebiger äußerer Schmuck – ein leider vielfach tradiertes Mißverständnis – sondern vielmehr „Mitträger der Botschaft“ (S. 162).

In diesen prinzipiellen Fragen widmet sich Heid der kulttheologischen Kontinuität der beiden Testamente. Hier berührt der Autor den Kern der Auseinandersetzung mit dem heutigen liturgiewissenschaftlichen Mainstream. „Die Auseinandersetzung zwischen Heiden und Christen in der Frage des Gottesdienstes dreht sich nicht um die Frage »Kult: Ja oder Nein?«, sondern allein um die rechte Art des Gottesdienstes, um den wahren Kult, eine Diskussion, die schon das Heidentum kennt.“ (S. 163).

Von dieser Seite stellt sich nochmals das Problem der Sakralität des Kirchenraums, der sich vom Altar herleitet: „Die Sakralität macht sich … am Altar fest. Denn dieser Tisch dient der Gemeinde zur Gottesbegegnung und wird damit zum Kontaktpunkt der Heiligkeit … Die Gebete und Opfergaben am Altar erreichen den Himmel. Das gilt durchaus im physisch-topographischen Sinn: Nur dort, wo der Altar steht, ist die höchste Form der Gottesberührung im Vollzug des Opfers möglich. Die Christen nehmen im Gebet Kontakt zu Gott auf und sind der Überzeugung, diese Kontaktaufnahme durch die eucharistische Opfergabe erwirken zu können. Denn die Wandlung von Brot und Wein in Fleisch und Blut Christi erweist die Kraft … der Gebete des Priesters. Wenn aber dieses Wunder einmal – am Altar – geschehen ist, dann ist Gott dort immer erfahrbar, weil er immer das Wunder wirken wird. So wird der Raum selbst heilig, zum Erinnerungsort der wundersamen Gegenwart Gottes. Dies ist ein ganz natürlicher Vorgang, da ein kollektiver Versammlungsort nicht ständig geändert werden kann. In diesem einen Raum mit seinem Altar, dem einzigen in einer Stadt, kommen die Gläubigen über Jahre und Jahrzehnte hinweg sonntags zusammen, um Gebetserhörung zu erfahren. Es ensteht ein Sakralort, der in seiner Materialität dynamisch ist, insofern die memorierte Gottespräsenz je neu zu verifizieren ist.“ (S. 183).

Sakrale Kulträume macht Heid mit dem Ende des zweiten Jahrhunderts aus (S. 198), womit er der These widerspricht, sie seien erst durch die Konstantinische Wende entstanden, die den frühchristlichen Kult entgegen seinem biblischen Wesen formalisiert und sakralisiert habe.

Auf diesem Hintergrund kommt der Autor nochmals auf den Altar zu sprechen und charakterisiert ihn als Stätte des hl. Opfers, zu dem die Gläubigen ihre Gaben bringen. Sein waches Auge für den Kontext der Antike schenkt uns jenseits des hier deutlichen und bekannten Zusammenhangs von Eucharistie und Caritas noch eine zentrale formale Erkenntnis: „Das sichtbare Ablegen von Gaben auf dem Altar ist ein öffentlicher Rechtsakt im Sinn des Sakralrechts: Vor Zeugen werden sie so Gott übereignet und unwiderruflich zur Opfergabe (vgl. Mk 7,11; Mt 23, 18-20).“ Dadurch ist der Altar „jener Ort, der den exklusiven Besitzanspruch Gottes bezeichnet.“ (S. 205). Es kann nicht verwundern, daß zu diesem Liturgieverständnis auch die Vorstellung des Kultes erscheint, der Gott als Urheber der Schöpfung geschuldet ist (vgl. S. 195). Auch hier steht das Zeugnis der Antike gegen den heutigen Mainstream.

Am Altar selbst ist die Gebetshaltung der frühen Christen charakterisiert durch aufrechtes Stehen (S. 218-222) mit der Erhebung der Hände (S. 222-228) und dem Aufblick nach oben zum Himmel (S. 228-231). All dies ist auch Ausdruck antiker Rhetorik (Vgl. S. 231). Gottesdienst erscheint folgerichtig demnach als Kult, der zunächst im Himmel gefeiert wird (vgl. S. 239-244).

Erst nach diesen Klärungen kann der Autor die christliche Gebetsrichtung gen Osten umfassend behandeln (S. 244-349), wobei er sämtliche antike Kirchenprovinzen durchgeht und sich dezidiert mit den Thesen von Otto Nussbaum auseinandersetzt. Heid bemerkt: „Der christliche Kirchenbau stellt sich bewusst in die Tradition des antiken Sakralbaus. Der Kirchenraum ist also nicht einfach ein neutraler Raum, sondern er gehört zur Kultarchitektur. Außerdem dürfte beim Kirchenbau die Wahl der West-Ost-Achse der liturgischen Notwendigkeit geschuldet sein, nämlich der Gebetsostung.“ (S. 283).

Der Autor behandelt die Frage der Ostung gründlich, aber auch erfrischend unideologisch, indem er Ausnahmen nicht nur erwähnt, sondern sich ihnen ausführlich widmet. Dies gilt etwa für die überzeugenden Überlegungen, daß der Papst „vom vierten bis zum sechsten Jahrhundert“ (S. 308) in Alt-St. Peter direkt auf dem Apostelaltar (aber nach Westen) zelebriert habe (S. 292-310). Es gilt auch für die durch das als wundertätig gehaltene Christusbild in der Apsis vorgegebene Änderung der Zelebrationsrichtung im Lateran (S. 342-349).

Es ist ein großes Verdienst des Autors, nicht bei der räumlichen Frage des Altars stehenzubleiben, sondern ausdrücklich das Bild und allgemeiner formuliert „die frühchristliche Kirchenkunst als Emanation der Liturgie“ (S. 353) mit zu berücksichtigen. Durch die kultische Bebilderung „wird der Himmel in die Kirchen hineingeholt“ (S. 354). Heid verweist in diesem Zusammenhang auf die wichtige Bemerkung von Joseph Ratzinger: „Der Altar ist gleichsam der Ort des aufgerissenen Himmels; er schließt den Kirchenraum nicht ab, sondern auf“ (S. 355, bei Ratzinger: JRGS 11, 75).

Von daher versteht sich, daß die Interpretation der frühchristlichen Kirchenmalerei als Biblia Pauperum zu vordergründig ist. Für die Bemalung im Langhaus bemerkt Heid: „Solche Bilder sind schwerlich didaktisch im Sinn einer Armenbibel (Biblia Pauperum) für jene, die nicht lesen können, gemeint. Das geht schon deshalb nicht, weil ihr relativ kleines Format und ihre beträchtliche Anbringungshöhe die Szenen kaum erkennen lassen.“ (S. 361). Ebensowenig seien sie ein bloßer Schmuck. In einem gewissen Sinne kommt Heid hier nun zum Zielpunkt des ganzen Buches beziehungsweise zur tiefsten Deutung des Befundes über die frühchristliche Liturgie. Sie ist  nichts weniger als Fortführung der Heilsgeschichte (Vgl. S. 362-366). Hier erkennen wir nun „den Altarraum“ als „jenen Bezirk, in dem die scheinbar vergangene Heilsgeschichte in ihr Hic et Nunc eintritt“ (S. 367). Damit zeigt sich aber, wie die frühchristliche Liturgie mit der Wesensbestimmung christlichen Kultes gemäß dem II. Vatikanischen Konzil übereinstimmt, das in der Liturgie die Fortführung der Heilsgeschichte sieht (Vgl. SC 5-6). Dabei entspricht die Liturgie auf Erden jener des Himmels. Auch hier bemerken wir im Befund Anklänge an Sacrosanctum Concilium (vgl. SC 8).

Mit Blick auf das Apsismosaik von Sant' Appolinare in Classe (Ravenna) schreibt Heid: „Im Altarraum geschieht gleichermaßen Sichtbares wie Unsichtbares. Dem Tun des Priesters entspricht der Diakonendienst der Engel. Es eröffnet sich eine Welt der Heiligen und himmlischen Wesen, die auf ihre Weise an der irdischen Liturgie teilhaben. … Der Betrachter der Bilder wird so Zuschauer einer doppelten Liturgie: Was er in der Liturgie hört, das sieht er. Die Vervielfältigung der sinnlichen Wahrnehmung erhöht die Spannung und festigt die aktive Teilnahme an der liturgischen Handlung.“ (S. 370).

Maßstab der Interpretation ist die bischöfliche Liturgie (vgl. S. 359). Meisterlich zeichnet Heid das Erleben einer bischöflichen Messe im Zusammeklang mit den Bildern nach. Die gesamte Darstellung zielt auf das Apsisbild als einer Theophanie (S. 376-391). Wesentliche Aussagen des Buches finden sich wie folgt verdichtet: „Wenn das Gebet von allen Gläubigen stehend, mit erhobenen Armen und mit »zum Himmel« erhobenem Blick vollzogen wird, ist dieses Gebet ganz und gar der mitmenschlichen Interaktion entzogen. Es erfordert kein menschliches Gegenüber, sondern es richtet sich allein auf Gott, der im Himmel wohnt und doch nahe ist, der im Apsisbild nicht nur geschaut wird, sondern darin auch wirksam präsent ist und angesprochen wird.“ (S. 406).

In einem letzten Teil widmet sich Stefan Heid der Einführung des sogenannten Volksaltares in den 1960er Jahren (407-464). Auch hier sind die Detailbemerkungen des Autors etwa zu Leonardo da Vincis „Letztem Abendmahl“ sublim und überzeugend (Vgl. S. 445f.) Einmal mehr demontiert er zentrale Beweise, die Otto Nussbaum einst für seine These über den Standort des Liturgen herangezogen hatte. Stefan Heid faßt zusammen: „Der heutige Volksaltar, ob rund oder rechteckig, ist das Produkt einer historischen Fehlinformation bzw. eines ahistorischen Archäologismus. Dass es ihn in der frühen Kirche als Mitte einer eucharistischen Mahlgemeinschaft gegeben habe, ist eine wissenschaftliche Fiktion.“ (S. 464).

Heids Werk ist angenehm zu lesen, zuweilen sogar locker und spannend. Sein grundsätzlicher Ansatz, etwa die Bilder als Teil der Liturgie zu interpretieren, erinnen an Klaus Gamber. Die Fußnoten jeweils auf derselben Seite machen den Nachvollzug der Quellen, auf die sich der Autor stützt leicht. Die reiche und aufwendige Bebilderung verhilft, jeden Gedankenschritt mitzugehen und bietet auf ihre Weise einen Einblick in das Wesen des Altars, den Kultraum der Kirche und die grundlegenden Prinzipien christlicher Liturgie. 

"Altar und Kirche" (gebundene Ausgabe, 496 Seiten) von Stefan Heid kann zum Preis 50 Euro zzgl. 5 Euro Versandkosten über unseren Schriftenversand bezogen werden:

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