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Die Priesterbruderschaft St. Petrus gratuliert ihrem treuen Freund und Unterstützer, Prof. Robert Spaemann, von ganzem Herzen zu seinem 90. Geburtstag!
Aus Anlass seines 85. Geburtstages schrieb der Journalist der Katholischen Nachrichtenagentur Ludwig Ring-Eifel: „Was den Anhängern des linken Flügels der europäischen Aufklärung Jürgen Habermas, das ist für Konservative Robert Spaemann. Gegen alle Trends hält der knorriger, klar und zuweilen auch schneidend scharf formulierende Philosoph an vielem fest, was im modernen und postmodernen Diskurs schon längst nicht mehr salonfähig aussortiert wurde: am Naturrecht als Grundlage für Recht und Gesetz, am Gottesbeweis, an den Tugenden der Ethik des Aristoteles und - an der alten Form der lateinischen Messe."
Professer Robert Spaemann ist ein von allen Seiten anerkannter, auch unbequemer Querdenker, der sich nicht um Mehrheitsmeinungen schert, weil ihm bewusst ist, dass die Wahrheit häufig nicht die Mehrheit auf ihrer Seite hat. Wir verneigen uns vor dieser großen christlichen Persönlichkeit und sind ihm in bleibender Dankbarkeit verbunden.

Vor zehn Jahren verfasste P. Bernhard Gerstle aus Anlass seines 80. Geburtstages einen Artikel im Informationsblatt, den wir unseren interessierten Lesern gerne auf diesem Wege noch einmal präsentieren:

Am 5. Mai darf Professor Robert Spaemann seinen 80. Geburtstag feiern. Aus diesem Anlass wird der bedeutende und mit vielen Preisen ausgezeichnete Philosoph in den Medien eine vielstimmige Würdigung seines Lebenswerks erfahren. Aus seiner beruflichen Biographie soll deshalb hier nur erwähnt sein, dass sich Prof. Spaemann 1962 in Münster in den Fächern Philosophie und Pädagogik habilitierte. Danach war er ordentlicher Professor für Philosophie an der Technischen Hochschule Stuttgart, der Universität Heidelberg und seit 1972 an der Universität München. Außerdem war er Gastprofessor in Paris, Rio de Janeiro, Louvain-la-Neuve sowie an der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften in Peking. Er erhielt die Ehrendoktorwürde der Universitäten Fribourg, Pamplona, Washington sowie Santiago de Chile. Und schließlich verlieh ihm die Stadt und Universität Heidelberg im Jahre 2001 den Karl-Jaspers-Preis. In großen Zeitungen ist er bis heute ein begehrter Autor von Gastartikeln und gefragter Interviewpartner. In gesellschaftlichen Fragen bezieht er immer wieder kritisch Stellung. So lehnt er u.a. den Einsatz von Atomwaffen als unmoralisch ab, energisch macht er sich zum Anwalt des ungeborenen Lebens und wendet sich entschieden gegen die aktive Sterbehilfe.
In diesem Beitrag sollen vor allem seine kirchlichen Verdienste gewürdigt werden. Die tiefe Gläubigkeit Spaemanns wurde grundgelegt durch den Werdegang seines Vaters, Heinrich Spaemann (1903-2001), der sich als radikaler Atheist und überzeugter Sozialist erst mit Roberts Geburt dem christlichen Glauben zuwandte und in die katholische Kirche eintrat. Nach dem frühen Tod seiner Frau ließ sich der entschiedene Gegner des Nazi-Regimes 1942 von Kardinal Graf von Galen in Münster zum Priester weihen. Über viele Jahre wirkte er als Pfarrer in der Diözese Münster und ist darüber hinaus vor allem als geistlicher Schriftsteller in Deutschland bekannt geworden. Zuletzt lebte der beliebte Priester und Seelsorger bis zu seinem Heimgang im hohen Alter von 97 Jahren in Überlingen. Unvergesslich bleibt mir die Feier seines goldenen Priesterjubiläums in Erinnerung, das er im überlieferten Ritus mit seiner Familie und den Gläubigen unserer Gemeinde in Stuttgart gefeiert hat. Mit seinem Vater Heinrich war der Sohn Robert häufig zu Gast in der Benediktiner-Abtei zu Gerlewe und vermutlich hat sich hier sein tiefes liturgisches Empfinden, sein Gespür für die Heiligkeit der Liturgie genährt und entfaltet. Eine wichtige Säule auf dem eigenen religiösen Weg wurde seine Frau, Cordelia Spaemann (1925-2003), die spätere Mitautorin des „Gotteslobs“. Als junge Studentin nahm sie den katholischen Glauben an und wählte Pfarrer Heinrich Spaemann für ihren Konvertitenunterricht. Als dieser seinen Sohn Robert bat, den Unterricht fortzusetzen, lernten sich die beiden kennen und lieben. Aus ihrer Ehe sind ein Sohn und zwei Töchter hervor gegangen.
Beruflich bedingt wurde Stuttgart zur neuen Wahlheimat der Familie. Hier lernte sie auch den bekannten Stadtpfarrer und begabten Prediger Hermann Breucha (1902-1972) kennen, der über drei Jahrzehnte lang bis 1970 in der Degerlocher Gemeinde St. Maria Himmelfahrt wirkte. Aus ganz Stuttgart fühlten sich Katholiken - darunter auch Familie Spaemann - zu seinen Gottesdiensten hingezogen. Aus der liturgischen Bewegung kommend, war Pfarrer Breucha zunächst begeistert vom liturgischen Aufbruch, den das 2. Vatikanische Konzil ankündigte. Umso mehr war er aber von der nachkonziliaren Liturgiereform enttäuscht, mit deren Umsetzung im Jahre 1969 fast zeitgleich ein eklatanter Glaubensniedergang begann. Von Anfang an teilte das Ehepaar Spaemann die Skepsis Breuchas.
Und so überraschte es nicht, dass Prof. Spaemann und seine Ehefrau Cordelia zu den ersten Gläubigen gehörten, welche sich nach der Gründung der Priesterbruderschaft St. Petrus im Juli 1988 um den jungen Pater Engelbert Recktenwald scharten, der die Priesterbruderschaft St. Pius X. infolge der unerlaubten Bischofsweihe verlassen und zuletzt in deren Priorat in Stuttgart-Feuerbach gewirkt hatte. Da Pater Recktenwald zunächst kein Dach über dem Kopf hatte, wurde er für zwei Monate bis zum Beginn seiner Tätigkeit in unserem Priesterseminar in großer Gastfreundschaft im Hause Spaemann aufgenommen, wie auch sein baldiger Nachfolger, der bereits in jungen Jahren verstorbene Pater Mario Hausheer († 1993).
Von Anfang an hatte die Priesterbruderschaft St. Petrus in Robert Spaemann einen treuen Freund und großen Fürsprecher bei Papst und Bischöfen. Trotz seiner vielfältigen Verpflichtungen hielt er in den neunziger Jahren etliche Gastvorlesungen in Ethik in unserem Priesterseminar in Wigratzbad. Über mehrere Jahre nahm er als Mitbegründer das Amt des zweiten Vorsitzenden der Laienvereinigung „Pro Missa Tridentina“ wahr. Immer wieder setzte er sich in Wort und Schrift für die Zulassung und das tiefere Verständnis des überlieferten Messritus ein. Dass dies in hohen Kirchenkreisen Verwunderung und manches Unverständnis mit sich brachte, berührte ihn wenig. Seine offene Kritik an kirchlichen Missständen, vor allem was die Glaubensweitergabe betraf, gefiel ebenfalls manchen nicht.
Die Rolle von Professor Spaemann in Bezug auf die Erneuerung des Glaubens und die Feier einer würdigen Liturgie darf nicht unterschätzt werden. Seine Stimme hatte großes Gewicht bei Papst Johannes Paul II., der ihn persönlich kannte und schätzte. Erst recht trifft das zu beim jetzigen Inhaber des apostolischen Stuhls, Papst Benedikt XVI., mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verbindet und der ebenfalls vor wenigen Tagen seinen 80. Geburtstag feiern durfte. Was überzeugt, sind die Stichhaltigkeit seiner Argumente, die schwerlich zu widerlegen sind. Inzwischen finden sie auch in Kreisen Gehör, in denen man dies noch vor einigen Jahren nicht vermutet hätte. Während der Naziherrschaft hatte er - u.a. bestärkt durch sein persönliches Umfeld - gelernt, gegen den Strom zu schwimmen. Auch dem Fortschrittswahn, dem der vorherrschende Zeitgeist vor allem in den siebziger Jahren huldigte, setzte er besonnenen Widerstand entgegen. Als fast alle anderen noch „hurra“ riefen, trat er bereits als Mahner auf
Ein Wort von ihm lautet: „Befohlene Begeisterung ist das Kennzeichen totalitärer Regime“. So konnte er sich auch nicht für die nachkonziliaren Reformen begeistern, nachdem er mit feinem Blick schon sehr früh die negativen Früchte sah. Wenn darum bald mit einer allgemeinen Freigabe des überlieferten Messritus durch den Heiligen Vater zu rechnen ist, dann ist das auch ganz besonders Persönlichkeiten wie Robert Spaemann zu verdanken.
Bei aller Bildung hat sich der tiefgläubige Katholik eine große Sympathie und Wertschätzung für die Frömmigkeit einfacher Menschen bewahrt. Er fühlt sich weder dem Alten noch dem Neuen, weder dem Konservativen noch dem Progressiven, sondern fernab jeder Ideologie lediglich der Wahrheit verpflichtet. Dies gilt für sein Forschen und seine Publikationen als Philosoph, dies trifft auch auf sein Empfinden als gläubiger Christ zu.
Was den Umweltschutz und die Liebe zur Natur betrifft, könnte man Spaemann für einen Vertreter der „Grünen“ halten. So hat er sich aus ideellen Gründen zeitlebens dagegen gesträubt, den Führerschein zu machen und ein Auto zu fahren. Eine nette Anekdote berichtet davon, dass er vor knapp 40 Jahren in der Heidelberger Innenstadt über mehrere Autos stieg, um auf diese Weise gegen die fehlenden Fußgängerüberwege zu protestieren.
Bei seinen Studenten, mit denen er auch außerhalb der Vorlesungen gute Kontakte und geselliges Beisammensein pflegte, erfreute er sich überaus großer Beliebtheit. Als er die Stuttgarter Hochschule verließ, um in Salzburg bzw. München eine neue Herausforderung anzunehmen, zogen zahlreiche Studenten mit Fackeln vor sein Wohnhaus, um ihn doch noch zum Bleiben zu bewegen.
Sehr schwer traf Robert Spaemann der Heimgang seiner geliebten Frau Cordelia infolge eines Schlaganfalls in der Osteroktav 2003. Sie hatte viele Trennungen aufgrund seiner zahlreichen auswärtigen Verpflichtungen und Termine in Kauf nehmen müssen, diese aber stets in hochherziger und opferbereiter Weise mitgetragen. Die göttliche Vorsehung hat es gefügt, dass ich ihr am Tag der Einsetzung der hl. Eucharistie, am Gründonnerstag, letztmals die heilige Kommunion reichen durfte, ehe sie mit ihrem Mann nach Bayern zur Tochter fuhr.
Ich bin überaus dankbar, dass ich den Jubilar und seine Frau nach meiner Priesterweihe 1991 im Rahmen meiner ersten Seelsorgestelle in Stuttgart näher kennen lernen durfte. Sehr bald ist aus den persönlichen Begegnungen eine bleibende Freundschaft erwachsen. Wenn man ihn um Rat und Auskunft fragte, durfte man sicher sein, eine ehrliche und manchmal auch unbequeme Antwort zu erhalten. So habe ich ihm - wie viele andere Menschen - zahlreiche wertvolle Anregungen zu verdanken.
Prof. Spaemann ist nicht nur einer der größten Philosophen unserer Gegenwart, er ist darüber hinaus ein Christ, der unbestechlich in Zeiten der Auflösung und des Glaubensniedergangs am Glauben der Kirche treu festgehalten und bei allen großen Themen, mit denen er sich als Philosoph bisher auseinandersetzte, auch nie die einzelnen Menschen und ihre Nöte aus dem Blick verloren hat. Wir wollen ihm stets in Dankbarkeit verbunden bleiben und hoffen, dass er sich noch möglichst lange einer guten Gesundheit erfreut.