Ausgabe

Nr. 19

Mitteilungen zu den hl. Messen in St. Margareth und zum klassischen römischen Ritus

Mai

2005

Liebe Freunde und Wohltäter!

In unserem Herzen schwingt die überraschende Freude über den neuen hl. Vater, Papst Benedikt XVI. Sicher war es unser stiller Wunsch, dass Kardinal Ratzinger auf den Stuhl Petri gewählt wird; dass jedoch die Wahl so eindeutig ausfällt, haben sicherlich die wenigsten gedacht. Der damalige Kardinal Ratzinger hat maßgeblich zur Gründung unserer Bruderschaft beigetragen und viel Positives zum Thema Liturgie geschrieben. Ich denke an sein so wertvolles Buch „Der Geist der Liturgie“. Wir dürfen und wollen unseren neuen hl. Vater voll Vertrauen vor allem mit unserem Gebet begleiten, denn wir befinden uns in keinem einfachen Abschnitt der Kirchengeschichte. Dass das Gebet eine große Kraft sein kann haben wir in diesen Tagen alle gespürt. Wie viel wurde in der Zeit der Krankheit in Rom und auf der ganzen Welt gebetet, wie viele Gebete sind zum Himmel aufgestiegen als die Menschenmengen warteten, um am aufgebahrten Papst Johannes Paul II vorbeizugehen, wie viel Gebet um einen guten neuen hl. Vater… All diese Gebete wurden erhört!

 

Da jedoch Gott ewig ist und in seiner wunderbaren  Vorsehung alles weiß, kann er sogar Gebete zeitlich versetzt erhören. Ich möchte das bewegende Zeugnis von Wilhelm Emmanuel Freiherr von Ketteler anführen. Er wurde am 25.12.1811 in Münster (Westfalen) geboren, war Bischof von Mainz und dt. Politiker(Zentrumspartei). Er starb am 13.7.1877 in Burghausen (Lkr. Altötting). Als junger Mann hatte er seine Staatsprüfung in Rechtswissenschaft gemacht und dachte nur daran eine gute Stelle zu bekommen, Erfolg zu haben und viel Geld zu verdienen. Eines Abends, als er ganz vertieft in seine ehrgeizigen genusssüchtigen Zukunftspläne versunken war, zeigte ihm Jesus sein heiligstes Herz und davor eine Ordensfrau kniend, die ein grobes Gewand und schwielige Hände hatte. Christus sagte zu Wilhelm Emmanuel v. Ketteler „Sie betet ohne Unterlass für dich“. Dieses Erlebnis packte und bewegte ihm schließlich so sehr, dass er fast 30 Jahre alt, das Theologiestudium begann und Priester wurde. Nie konnte er das Gesicht jener einfachen Klosterfrau vergessen, auch in der Zeit nicht als er schon Bischof war. Immer war ihm bewusst: Wenn ich etwas Gutes tun kann, so deshalb, weil diese Frau für mich betet. Und in der Tat, er hatte Großes geleistet: 1848/49 war er Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung („Paulskirche“) und 1871/72 Mitglied des dt. Reichstages. Gemeinsam mit Ludwig Windhorst gründete er die Zentrumspartei als Gegengewicht zu den protestantischen Parteien und insbesondere Otto von Bismarck. Kirchenpolitisch setzte er sich für die Autonomie der Kirche ein und wurde so zum Widersacher Bismarcks im Kulturkampf. Unter dem Einfluss des seligen Adolf Kolping erkannte er sie Bedeutung der sozialen Fragen in der neu entstehenden Industriegesellschaft. Er gilt als Mitbegründer der Katholischen Soziallehre, die schließlich vom Papst Leo XII. formuliert wurde.

 

Aber Gott selbst lüftete eines Tages im Jahr 1869 ein wenig das Geheimnis seiner Bekehrung und seiner Schaffenskraft. Eines Tages nämlich feierte Bischof Ketteler die hl. Messe in der Kapelle von Ordensfrauen. Während derselben teilte er an sie die hl. Kommunion aus. Schon war er am Ende der letzen Reihe angekommen, als sein Auge plötzlich bei einer  Ordensschwester haften blieb. Tiefe Blässe breitete sich über sein Antlitz aus. Er stand da, ohne sich zu rühren. Ein Zittern befiel ihn. Doch raffte er sich auf und spendete der andächtig knienden Klosterfrau, die von der Verzögerung kaum etwas bemerkt hatte, die heilige Kommunion. Ruhig vollendete er dann die heilige Messe. Eine ungewöhnlich lange Danksagung folgte darauf.

Nach dem Frühstück nun sprach Bischof Ketteler nun die Bitte aus, dass ihm die Oberin sämtliche Schwestern des Hauses versammle. Das Auge des Bischofs überflog grüßend und suchend die Reihen der Schwestern. Unbefriedigt forschte er immer wieder. Er schien nicht zu finden, was er suchte. Leise fragte er die Oberin: „Sind wirklich alle Schwestern da?“ Die Angeredete überschaute die ganze Schwesternschar und sagte dann: „Bischöflich Gnaden, ich ließ alle rufen, aber es fehlt in der Tat eine Schwester.“ „Warum ist sie denn nicht gekommen? Was hat sie denn für eine Arbeit, dass sie nicht abkommen kann?“ „Sie besorgt den Stall“, antwortete die Oberin, „und zwar in musterhafter Weise. In ihrem Eifer vergisst sie dann manchmal andere Dinge.“ – „Ich wünsche die Schwester zu sehen“, sprach der Bischof. Nach einiger Zeit traf die Gerufene herein. Wiederum erbleichte der Bischof und wiederum durchschauerte es ihn. Nachdem er einige Worte an die Schwester gerichtet hatte, bat er, mit dieser Schwester allein gelassen zu werden. „Kennen Sie mich?“, fragte sie nun der Bischof. „Ich habe Bischöflich Gnaden noch nie gesehen.“ „Haben Sie einmal gebetet oder gute Werke für mich aufgeopfert?“ „Es ist mir nicht bewusst, da ich von eurer Bischöflichen Gnaden noch nie gehört habe.“ Bischof Ketteler stand einige Augenblicke schweigend da. Dann fragte er plötzlich weiter. „Welche Andacht pflegen Sie am liebsten und am häufigsten?“ „Die Andacht zum heiligsten Herzen Jesu“, war die Antwort. „Sie haben, wie es scheint, die schwerste Arbeit im Kloster“, fuhr der Bischof fort. „O nein, Bischöfliche Gnade“, sagte die Schwester, „aber ich kann nicht leugnen, dass sie mir zuwider ist.“ „Und was tun sie dann, wenn solche Anfechtungen kommen?“ – „Ich habe mir angewöhnt, alle Dinge, die mir Überwindung kosten, aus Liebe zum göttlichen Herzen erst recht und eifrig anzupacken. Und ich opfere das dann auch für eine arme Seele, die es auf diese Weise besonders braucht. Wem der liebe Gott dafür gnädig sein will, das habe ich ganz ihm überlassen und will es nicht wissen. Auch die Stunde der Anbetung vor dem heiligsten Sakrament, jeden Abend von 8 bis 9 Uhr, opfere ich in dieser Meinung auf.“ – „Und wie kommen Sie auf diesen Gedanken, all ihre Verdienste für eine ganz unbekannte Seele aufzuopfern?“ – „Das ist mir immer so im Sinn gewesen schon als ich noch in der Welt draußen war“, lautete die Antwort. „Als ich in der Schule war, lehrte uns der Herr Pfarrer, dass und wie man für seine Angehörigen beten und seine Verdienste aufopfern solle. Und außerdem meinte er, solle man auch für andere, die in Gefahr sind, ihr Seelenheil zu verlieren, viel beten. Da aber Gott allein wisse, wer dessen besonders bedarf, so sei es auch das Beste, dass man seine Verdienste dem heiligsten Herzen Jesu zur Verfügung stelle, damit er sie demjenigen zugute kommen lasse, für den seine Allwissenheit und Weisheit es für gut fände. – So habe ich es gemacht“, schloss sie, „und immer gedacht, Gott werde die recht Seele schon finden.“ „Wie alt sind Sie?“ – „Dreiunddreißig Jahre, Bischöfliche Gnaden.“  Der Bischof hielt einen Augenblick betroffen inne. Dann sagte er: „Wann sind Sie geboren?“ Die Schwester nannte den Tag.

 

Den Lippen des Bischofs entfuhr ein Ausruf. Ihr Geburtstag war sein Bekehrungstag. An jenem Tag hatte er sie genau vor sich gesehen, wie sie jetzt vor ihm stand. „Und wissen Sie gar nicht, ob Ihr Gebet und Opfer einen Erfolg gehabt hat?“ „Nein, Bischöfliche Gnaden.“ „Und wünschen Sie es nicht zu wissen?“ „Der liebe Gott weiß es, wenn etwas Gutes geschieht, und das ist genug“, war die einfache Antwort. Der Bischof war erschüttert. „So fahren Sie in Gottes Namen mit diesem Werke fort“, sprach er. Die Schwester aber kniete schon zu seinen Füßen und erbat seinen Segen. Der Bischof erhob hoch und feierlich seine Hände zum Himmel und sprach mit tiefer Bewegung und Ergriffenheit. „So segne ich Sie in all der Kraft und Gewalt, die ein Bischof zum Segen hat. Ich segne Ihre Seele, ich segne Ihre Hände und deren Arbeit, segne Ihr Beten und Opfern, Ihr Überwinden und Gehorchen, dass er Ihnen mit all seinem Trost beistehen möge. - Das gebe Gott der Vater, der Sohn und der heilige Geist.“ „Amen“, sprach die arme Laienschwester ruhig, erhob sich und ging hinaus. Der Kirchenführer aber trat, im Innersten erschüttert ans Fenster und blickte, Fassung suchend hinaus. Nach einiger Zeit verabschiedete er sich von jenem Kloster und sagte kurz darauf zu einem guten Freund: „Nun ist jene gefunden, der ich meine Bekehrung, meinen Beruf und mein Beharren in demselben verdanke. Es ist die letzte und ärmste Laienschwester des Klosters. Ich kann Gott nicht genug für seine Barmherzigkeit danken. Denn die Schwester betet seit kaum zwanzig Jahren für mich; Gott aber hat im voraus schon ihr Gebet angenommen, und an dem Tage, an dem sie das Licht der Welt erblickte, bereits meine Bekehrung bewirkt, im Vorauswissen ihrer fürbittenden Werke und Gebete.“ „Welch eine Lehre und Mahnung für mich“, fügte er bei. „Wenn ich je in Versuchung kommen sollte, auf gewisse Erfolge und auf mein Wirken vor den Menschen eitel zu werden, dann muss ich mir nur um der Wahrheit willen stets vorhalten: Das verdankst du eigentlich nur dem Gebet und dem Opfer einer kleinen Magd im Klosterstall. Und wenn mir eine kleine und geringe Arbeit wenig wertvoll erscheinen möchte, dann sagt mir dieselbe Tatsache: Das, was eine kleine Magd im demütigen Gehorsam gegen Gott und in Überwindung ihrer selbst tut und opfert, ist vor Gott dem Herrn so viel wert, dass diese Verdienste der Kirche einen Bischof erweckt haben.“

 

Diese Begebenheit schenkt uns einen winzigen Einblick in die Art Gottes zu handeln. Welch ein Trost für uns. Kein Gebet ist verloren. Je mehr wir Gott die Meinung unserer Gebete überlassen, desto besser kann er damit wirken.

Der angeführte Bericht aus dem Leben von Bischof Ketteler passt auch zum bevorstehenden Monat Juni, der dem heiligsten Herzen Jesu gewidmet ist. Schenken wir seinem Herzen unsere Gebete, Mühen und unsere Freuden damit ER das Beste daraus machen kann.

Ich bitte Sie weiter um Ihr Gebet und auch um finanzielle Unterstützung. Das Apostolat in Augsburg muss noch immer von Wigratzbad aus unterstützt werden, da doch die laufenden Kosten, wie Miete, Fahrtkosten, Kranken- und Sozialversicherung sehr hoch sind. Vergelt’s Gott für Ihre Gabe.

 

Mit priesterlichem Segensgruß!