Ausgabe

Nr.9

Mitteilungen zu den hl. Messen in St Margareth und zum klassischen römischen Ritus Februar

2003

 

Liebe Freunde und Wohltäter,

 

Im bürgerlichen Jahr haben wir bereits ein Wegstück zurückgelegt — noch mehr im Kirchenjahr. Die Weihnachtszeit ist vorbei und wir betreten durch die Vorfastenzeit den Osterfestkreis. Bis zum Aschermittwoch sind es zwar noch einige Wochen, aber es lohnt sich auch jetzt schon tiefere Gedanken zu haben, damit die Fastenzeit 2003 wirklich eine Gnadenzeit wird. Vor einiger Zeit kam mir der folgende „Denk-Anstoß‘ (nach einer Geschichte von Andreas Laun) in die Hände, den ich Ihnen auf den Weg geben möchte:

 

Schon oft hatten schreckliche Sturmfluten die Stadt verwüstet und jedes Mal waren viele Menschen ums Leben gekommen, Daher begannen die Bürger eines Tages, einen Damm zu bauen. Als er nach großen Mühen und zahlreichen Rückschlägen endlich fertig gestellt war, konnten die Bürger aufatmen: Zwar schwappte ab und zu eine Welle über und machte es nötig, den Damm zu warten und von Zeit zu Zeit auszubessern; doch er hielt und die Menschen lebten zufrieden hinter seiner beruhigenden, zum Himmel ragenden Masse. Niemand weiß, wann sie eigentlich begonnen hat: Die Diskussion darüber, ob der Damm nicht auch Nachteile hätte. In den Augen einiger jedenfalls war er störend: Der Zugang zum Meer wurde durch ihn erschwert, und er verdeckte naturgemäß die schöne Aussicht. Das heißt: Natürlich konnte sie jeder genießen, der den Damm erstieg, und dann war, sie sogar noch großartiger, aber das Hinausgehen war — das ließ sich nicht bestreiten -etwas unbequem.

 

Aus den zunächst freundschaftlichen Gesprächen war längst Streit geworden. Da es länger keine Flut gegeben hatte, neigte die Mehrheit der Bürger zunehmend zu der Ansicht, der Damm sei störend oder zumindest müsse er nicht sein, wie er eben war. Es kam, wie es kommen musste; der Stadtrat beschloss eine neues Dammgesetz: Der Damm sollte weiterhin bleiben und rechtlich abgesichert werden. Nur eine Strecke von zehn Metern sollte durchbrochen werden, um den Interessen einer doch sehr beträchtlichen Zahl von Bürgern Rechnung zu tragen.

 

Nachdem die Entscheidung gefallen war, erlosch das Interesse der Öffentlichkeit. Nur einigen wenigen fiel auf: Der Durchbruch erfolgte so, dass eine allfällige Flut zuerst die ohnehin weiter unten gelegenen Hütten der Zuwanderer erreichen würde. Proteste waren von vornherein unmöglich, weil diese Bevölkerungsgruppe einerseits keine Erfahrung mit der Flut hatte und andererseits keinerlei Mitspracherecht besaß.

 

Eine Zeitlang ging auch alles gut. Genauer gesagt: Die kleineren, eher häufigen Fluten drangen regelmäßig durch die Bresche, die man in den Damm geschlagen hatte, rissen dabei jedes mal weitere Stücke des Mauerwerkes mit sich und setzten die Häuser der armen Neuankömmlinge unter Wasser. Es gab Tote, und Stimmen wurden laut, die eine Wiederherstellung des alten Dammes forderten. Aber ihnen wurde spöttisch bedeutet, man könne doch mit Gesetzen kein Wasser aufhalten.

 

So blieb es jahrelang. Die Bresche wurde immer größer, die herrschende Schicht im­mer sorgloser und gleichgültiger gegenüber dem Schicksal jener, die ertranken. Die Ansicht, nur ein vollständiger Damm sei wirklich sicher, wurde verlacht. Diejenigen, die sie vertraten, wurden als Ewig-Gestrige zum Schweigen gebracht. Bis zu jenem Tag, als die große Flut kam, sehr bald auch die höher liegenden Viertel überschwemmte und alle ertranken.

 

Nachdem das Wasser zurückgegangen war, wurde die Stadt neu besiedelt. Der Damm wurde in seiner alten Form wiederhergestellt, und bald kehrte der Alltag ein, der sich durch nichts von den alten Zeiten unterschied. Nur eine Frage beschäftigte die neuen Bewohner, und niemand wusste eine Antwort: Alles, was man aus der frü­heren Zeit gefunden hatte, bewies das technisch-wissenschaftliche Niveau der ehemaligen Bewohner. Aber was um alle Welt hatten sie sich gedacht, als sie in ihren Damm eine Bresche schlugen?

 

Soweit diese Geschichte, die man auf viele „Dammbrüche“, die wegen menschlicher Dummheit oder Verblendung passiert sind, anwenden könnte. Jeder von uns könnte Beispiele aufzählen. Unzählige scheinbare Fortschritte und Neuerungen verbergen furchtbare Folgen, wenn man sich einen klaren Blick für das Ganze bewahrt. Ist nicht gerade unsere Gesellschaft dabei riesige Breschen in den Damm unseres Glaubens zu schlagen? Jeder macht sich seine Gedanken. Oft bleibt uns nur der Ruf: „Herr, erbarme Dich unser!“

 

So machtlos wir oft den äußeren „Dammbrüchen“ sind, so gibt es doch auch unsere inneren Dämme, wo wir sehr wohl handeln können und Verantwortung haben. Wir müssen nicht schicksalsergeben jede Flut über die eigene Seele fließen lassen. Nein die kommende Fastenzeit ist eine neue Chance, den besten, berühmtesten und kundigsten Bauingenieur in Sachen unsterb­liche Seele einzuladen, damit er alle Dämme überprüft, ausbessert, „Löcher stopft“ und vielleicht das Gebäude unseres Glaubens ganz neu und wunderbarer aufrichtet. Machen wir dieses Bild vom Damm in unserer Seele und vom Gebäude unseres Glaubens zu einem Gleichnis — Jesus Christus hat viele Gleichnisse benutzt - um IHM tiefer zu vertrauen und seiner Liebe in diesen Wochen näher zu kommen...

 

Mit priesterlichem Segensgruß!